Fast jeder Betrieb hat einen. Die wenigsten wissen genau, was gesetzlich vorgeschrieben ist und was zusätzlich sinnvoll wäre. Der Unterschied zwischen einem Verbandkasten, der nur die Mindestanforderungen erfüllt, und einem, der im Ernstfall wirklich hilft, liegt oft in Details, die keine Norm vorschreibt.
Was die Norm konkret verlangt
Grundlage sind zwei DIN-Normen: DIN 13157 für den sogenannten kleinen Verbandkasten und DIN 13169 für den großen. Der große Kasten enthält im Wesentlichen die doppelte Menge der Materialien des kleinen, mit Ausnahme einiger Einzelteile wie der Schere, die nur einmal enthalten ist. Beide Normen wurden zuletzt 2021 aktualisiert. Neu hinzugekommen sind seitdem unter anderem Gesichtsmasken sowie Feuchttücher zur Reinigung unverletzter Haut, außerdem wurde die Menge der Pflaster und Wundschnellverbände erhöht.
Welcher Kasten in welchem Betrieb erforderlich ist, hängt von Betriebsart und Beschäftigtenzahl ab. Die Mindestanzahl regelt die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A4.3:
- Verwaltungs- und Handelsbetriebe: 1 bis 50 Beschäftigte ein kleiner Kasten, 51 bis 300 ein großer, für je 300 weitere Beschäftigte ein zusätzlicher großer.
- Herstellungs-, Verarbeitungs- und vergleichbare Betriebe: 1 bis 20 Beschäftigte ein kleiner Kasten, 21 bis 100 ein großer, für je 100 weitere ein zusätzlicher großer.
- Baustellen: 1 bis 10 Beschäftigte ein kleiner Kasten, 11 bis 50 ein großer, für je 50 weitere ein zusätzlicher großer.
Ein großer Kasten kann durch zwei kleine ersetzt werden. Die konkrete Anzahl und Verteilung der Verbandkästen im Betrieb sollte sich zusätzlich an der jeweiligen Gefährdungsbeurteilung orientieren, nicht nur an der reinen Mitarbeiterzahl.
Was in der Praxis oft übersehen wird
Kontrolle ist Pflicht, nicht Kür. Der Inhalt eines Verbandkastens muss nach Gebrauch umgehend aufgefüllt werden, und abgelaufene sterile Materialien dürfen nicht mehr verwendet werden. Eine regelmäßige Sicht- und Bestandskontrolle, sinnvollerweise in festen Intervallen dokumentiert, ist der einzige Weg, um im Ernstfall nicht vor einem unvollständigen Kasten zu stehen.
Normgerecht heißt nicht automatisch praxisgerecht. Die DIN-Normen sind branchenübergreifend so gestaltet, dass sie für praktisch jeden Betrieb funktionieren. Genau das ist gleichzeitig ihre Grenze. Ein Betrieb mit Metallverarbeitung hat andere typische Verletzungsmuster als ein Büro oder ein gastronomischer Betrieb. Für solche Fälle gibt es inzwischen branchenspezifische Ergänzungssets, die über die Normvorgabe hinausgehen.
Wo eine sinnvolle Ergänzung über die Norm hinaus Sinn ergibt
Die DIN-Normen sind bewusst auf klassische, häufige Alltagsverletzungen ausgelegt: Schnittwunden, kleinere Blutungen, stumpfe Verletzungen. Für Betriebe mit höherem Risiko starker, potenziell lebensbedrohlicher Blutungen, etwa im Umgang mit schweren Maschinen, Werkzeugen oder in der Bauindustrie, deckt der normgerechte Verbandkasten dieses Szenario nur eingeschränkt ab. Hier kann eine gezielte Ergänzung um Material zur Blutungskontrolle, wie es beispielsweise im Rahmen von STOP THE BLEED-orientierten Schulungen vermittelt wird, sinnvoll sein, verbunden mit entsprechender Schulung, denn Material ohne Training nützt im Ernstfall wenig.
Eine einfache Checkliste für die betriebliche Praxis
- Verbandkasten nach DIN 13157 oder DIN 13169 vorhanden, passend zur Beschäftigtenzahl und Gefährdungsbeurteilung
- Regelmäßige Kontrolle mit dokumentiertem Prüfintervall
- Sofortiges Auffüllen nach Entnahme, nicht erst bei der nächsten planmäßigen Kontrolle
- Sterile Materialien mit Verfallsdatum im Blick, rechtzeitig ausgetauscht
- Bei erhöhtem Risiko im Betrieb: Prüfung, ob eine Ergänzung über die Normvorgabe hinaus sinnvoll ist, inklusive passender Schulung
Fazit
Die DIN 13157 und DIN 13169 beschreiben den Inhalt, den die Arbeitsschutzvorschriften als Mindeststandard voraussetzen, und das reicht für die meisten Alltagssituationen völlig aus. Für Betriebe mit spezifischem Risikoprofil lohnt sich aber der Blick über die reine Normerfüllung hinaus, verbunden mit der Frage, welches Verletzungsszenario im eigenen Betrieb tatsächlich am wahrscheinlichsten ist, und ob der Kasten darauf vorbereitet ist.
Quellen: - DIN 13157:2021-11 und DIN 13169:2021-11 - ASR A4.3 „Erste-Hilfe-Räume, Mittel und Einrichtungen zur Ersten Hilfe“ - DGUV, “Aktualisierte DIN-Normen für Verbandkästen im Betrieb” - DGUV Information 204-022
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