Nach vielen Kursen und Schulungen wiederholen sich bestimmte Muster immer wieder, unabhängig davon, ob die Teilnehmenden aus der Verwaltung, der Produktion oder dem Handwerk kommen. Es sind selten fehlendes Wissen oder mangelnder Wille, sondern drei ganz bestimmte, gut behebbare Denkfehler.
Fehler 1: Warten auf die perfekte Situation
Der mit Abstand häufigste Fehler ist das Zögern, bis eine Situation vollständig klar erscheint. Viele Teilnehmende warten unbewusst darauf, dass jemand anderes zuerst handelt, oder darauf, dass sie sich zu hundert Prozent sicher sind, was zu tun ist, bevor sie überhaupt anfangen. In der Realität ist diese vollständige Sicherheit fast nie gegeben, weder im Kurs noch im echten Notfall.
Das Problem dabei: Jede Minute des Zögerns kann bei schweren Notfällen wie einer starken Blutung oder einem Kreislaufstillstand entscheidend sein. Die Lösung, die ich in Kursen konsequent trainiere, ist nicht, perfektes Wissen zu vermitteln, sondern die Bereitschaft zu stärken, mit dem verfügbaren Wissen sofort zu beginnen und während der Versorgung anzupassen, statt erst zu analysieren und dann zu handeln.
Fehler 2: Die eigene Sicherheit wird übersprungen
Der zweite häufige Fehler ist fast das Gegenteil des ersten: Sobald die Handlungsbereitschaft einmal da ist, stürzen sich viele Teilnehmende reflexartig auf die verletzte Person, ohne die Umgebung zu prüfen. Das gilt besonders bei dramatischen Szenarien, etwa einem Verkehrsunfall oder einem Sturz von einer Leiter, bei denen die Gefahrenquelle selbst noch aktiv sein kann.
Dieser Reflex ist menschlich verständlich, aber gefährlich, denn ein zweiter Verletzter hilft niemandem. In meinen Kursen ist die erste trainierte Handlung deshalb immer die kurze, bewusste Lagebeurteilung, bevor überhaupt der erste Handgriff an der verletzten Person erfolgt. Dieser Schritt dauert wenige Sekunden, wird aber unter Stress am häufigsten übersprungen, wenn er nicht vorher bewusst geübt wurde.
Fehler 3: Zu viel Zurückhaltung bei der Herzdruckmassage
Der dritte wiederkehrende Fehler betrifft die Reanimation. Viele Teilnehmende drücken beim Üben spürbar zu vorsichtig, aus Angst, etwas kaputt zu machen oder der betroffenen Person wehzutun. Diese Zurückhaltung ist verständlich, aber kontraproduktiv: Eine zu flache oder zu langsame Herzdruckmassage erzielt nicht annähernd den notwendigen Kreislaufdruck.
Der entscheidende Perspektivwechsel, den ich in Kursen versuche zu vermitteln: Bei einem Kreislaufstillstand ist die Alternative zu einer möglicherweise zu kräftigen Herzdruckmassage nicht eine sanftere, sondern gar keine Versorgung. Diese Erkenntnis nimmt vielen Teilnehmenden spürbar die Hemmung, tatsächlich mit der notwendigen Kraft zu handeln. Und ja, es gibt Menschen die meinen es zu gut beim Drücken und übertreiben versehentlich. Aber auch das lässt sich gut korrigieren.
Was diese drei Fehler gemeinsam haben
Auffällig ist, dass keiner dieser drei Fehler auf fehlendem theoretischem Wissen beruht. Alle drei sind psychologische Hürden: Zögern aus Unsicherheit, übersprungener Eigenschutz aus Reflex, und Zurückhaltung aus Angst vor Fehlern. Genau deshalb ist reine Wissensvermittlung allein nie ausreichend. Guter Erste-Hilfe-Unterricht muss diese psychologischen Hürden aktiv adressieren, durch wiederholtes praktisches Üben unter realistischen Bedingungen, nicht nur durch das einmalige Erklären der richtigen Reihenfolge.
Fazit
Wer diese drei Muster kennt, kann bewusst gegensteuern: nicht auf die perfekte Situation warten, die eigene Sicherheit nie überspringen, und im Zweifel lieber kräftiger als zu zaghaft handeln. Das sind keine komplizierten medizinischen Inhalte, sondern trainierbare Verhaltensweisen, und genau das macht sie im Kurs so gut vermittelbar.
Kommentar hinzufügen
Kommentare