Der Name klingt nach einer amerikanischen Kampagne, und genau das ist er auch. Trotzdem hat sich STOP THE BLEED® in den letzten Jahren zu einem der einflussreichsten Ausbildungskonzepte für Laien-Blutstillung weltweit entwickelt, mit direkten Auswirkungen auch auf die deutsche Erste-Hilfe-Landschaft. Wer als Unternehmen oder Privatperson verstehen will, warum Themen wie Wundpacking und Tourniquet inzwischen auch außerhalb des Rettungsdienstes ernst genommen werden, kommt an diesem Programm nicht vorbei.
Woher STOP THE BLEED® kommt
Die Ursprünge liegen nicht im zivilen, sondern im militärischen Bereich. Erkenntnisse aus der Versorgung von Verwundeten in den Kriegen im Irak und in Afghanistan führten zur Entwicklung der Tactical Combat Casualty Care Leitlinien, die konsequente und frühzeitige Blutungskontrolle in den Mittelpunkt der Versorgung stellten. Diese Erfahrungen wurden ab 2012 systematisch in den zivilen Bereich übertragen, nachdem eine Untersuchung auch unter zivilen Bedingungen einen klaren Überlebensvorteil durch frühzeitigen Tourniquet-Einsatz zeigte.
Den eigentlichen Anstoß für die zivile Kampagne gab der Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School im Dezember 2012. Ein Traumachirurg aus Connecticut brachte daraufhin ein Expertengremium zusammen, das Empfehlungen zur Verbesserung der Überlebenschancen bei Amokläufen und ähnlichen Ereignissen entwickelte. Da sich zwei der frühen Treffen in Hartford abspielten, wurden diese Empfehlungen als “Hartford Consensus” bekannt und bildeten die Grundlage für das, was 2015 offiziell vom Weißen Haus als STOP THE BLEED®-Kampagne ins Leben gerufen wurde. Getragen wird das Programm vom US-Verteidigungsministerium in Zusammenarbeit mit dem American College of Surgeons.
Was das Programm konkret vermittelt
Der Kerngedanke von STOP THE BLEED® ist bewusst einfach gehalten, nach dem Vorbild der Herz-Lungen-Wiederbelebung: Laien sollen in kurzer Zeit, meist innerhalb einer Stunde, drei elementare Techniken zur Blutungskontrolle erlernen.
- Notruf absetzen und die Situation klar kommunizieren.
- Direkter Druck auf die blutende Wunde mit der Hand oder einem saugfähigen Material.
- Wundpacking oder Tourniquet-Anlage, je nach Lokalisation und Schwere der Blutung, wenn direkter Druck allein nicht ausreicht.
Die zugrundeliegende Botschaft: Jede Person am Unfallort kann in den ersten Minuten den entscheidenden Unterschied machen, weil starke Blutungen innerhalb weniger Minuten lebensbedrohlich werden können, lange bevor professionelle Hilfe eintrifft.
Warum das Konzept auch außerhalb der USA an Bedeutung gewinnt
Was als amerikanisches Programm begann, wird inzwischen in mehr als hundert Ländern angeboten, darunter auch in Konfliktregionen wie der Ukraine, wo die Prinzipien direkt zur Anwendung kommen. Die zugrunde liegende Logik, dass Blutungskontrolle eine erlernbare Basisfertigkeit für jeden ist und keine Domäne von Fachpersonal bleiben muss, deckt sich mit der Entwicklung, die auch die deutsche Erste-Hilfe-Landschaft in den letzten Jahren durchlaufen hat: Themen wie Wundpacking und Tourniquet-Anwendung finden zunehmend Eingang in zivile Schulungsangebote, die früher ausschließlich medizinischem Fachpersonal oder dem Militär vorbehalten waren.
Was das für Unternehmen bedeutet
Für Betriebe mit erhöhtem Verletzungsrisiko, etwa in der Produktion, im Handwerk oder überall dort, wo mit Maschinen, scharfen Werkzeugen oder in beengten Räumen gearbeitet wird, schließt ein STOP THE BLEED®-Baustein eine Lücke, die klassische Erste-Hilfe-Kurse oft nur am Rand behandeln: die gezielte Versorgung starker, potenziell lebensbedrohlicher Blutungen. Während der reguläre betriebliche Erste-Hilfe-Kurs die gesetzlichen Mindestinhalte abdeckt, geht ein STOP THE BLEED®-orientiertes Training gezielt in die Tiefe bei genau dem Szenario, das im Ernstfall am wenigsten Zeit zum Nachdenken lässt.
Fazit
STOP THE BLEED® ist mehr als ein eingängiger Kampagnenname. Es ist der sichtbare Beleg dafür, dass militärisch erprobte Blutungskontrolle den Weg in die zivile Erste-Hilfe-Ausbildung gefunden hat, und dass genau diese Kompetenz zunehmend als Grundfertigkeit verstanden wird, nicht als Spezialwissen für wenige.
Quellen: - American College of Surgeons, “About Stop the Bleed”, stopthebleed.org - American College of Surgeons Committee on Trauma, History of STOP THE BLEED und Hartford Consensus - Eastridge BJ, Mabry RL, Seguin P et al. (2012): “Death on the battlefield (2001-2011)”, Journal of Trauma and Acute Care Surgery
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